Historisches Rathaus in Gieselwerder von der gegenüberliegenden Weserseite fotografiert

Breitbandausbau im Wesertal – Stellungnahme der Gemeinde

Mit einer kurzen Verzögerung hat die Gemeindeverwaltung nun ausführlich auf den zugesendeten Fragenkatalog geantwortet. Nachfolgend veröffentlichen wir die Stellungnahme.

Die aktuelle Situation

Zur Einleitung: Der Breitbandausbau verläuft in Deutschland in weitem Teilen ohne Sinn und Verstand. Die Erkenntnis, dass alles andere als ein Glasfaseranschluss bis in jedes Haus, nur kurzfristig trägt und nur die Zeit bis zu einem Glasfaseranschluss überbrücken kann, ist leider beim Bund und in den Ländern noch nicht verinnerlicht worden. Die Städte und Gemeinden sollten bei diesem Ausbau Zuschauer sein und nicht wie aktuell diejenigen, die sich aus der Not heraus um den Ausbau kümmern müssen . Ohne Sinn und Verstand bedeutet z.B. dass im manchen Orten drei Ausbaumaßnahmen parallel laufen und in anderen Orten kein Ausbau stattfindet. Bevor nicht alle Häuser mit Glasfaser angeschlossen sind, ist der Ausbau nicht abgeschlossen.

Alle 8 Ortsteile von Wesertal werden derzeit von der Telekom über das konventionelle Telefonnetz mit Internet versorgt. Die über die Telekom kupferkabelgebunden erreichbaren Bandbreiten reichen nach Berichten von Nutzern von unter 0,3 Mbit/s (z.B. weite Teile Gieselwerder) bis 100 Mbit/s und mehr („Innenbereich“ Oedelsheim). Gerade die geringen Werte können bei Netzauslastung noch deutlich unterschritten werden. In Gieselwerder z.B. sind Werte unter 0,3 Mbit normal und neue, kabelgebundene DSL-Anschlüsse der Telekom z.B. für Neubauten nur noch begrenzt möglich.

Die allgemeinen Breitbandversorgungsversprechen der Telekom vor der Einführung von DSL wurden von dieser beim Anschluss für Oberweser und Wahlsburg leider nicht eingehalten. Warum die Telekom nicht schon vor Jahren mit einer Umstellung auf Glasfaser begonnen hat ist auch für die Gemeinde Wesertal nicht nachvollziehbar. Mit dem Ziel eine leistungsfähige Alternative zu schaffen haben sich die Städte und Gemeinde zusammen mit dem Landkreis vor Jahren des Themas angenommen. Nach einem sog. Markterkundungsverfahren, bei dem die Netzanbieter den aktuellen Versorgungsstand und ihre Ausbaupläne für die nächsten 3 Jahre angeben mussten und bei dem kein Netzanbieter inklusive der Telekom eine Verbesserung der Bandbreiten in Aussicht gestellt hat, wurden in 2011/2012 in einem Projekt des Landkreises viele Orte im Landkreis Kassel nach einer den Förderbestimmungen entsprechenden öffentlichen Ausschreibung in ein Funknetz von ACO eingebunden. Die Finanzierung erfolgte auch mit Hilfe von Zuschüssen der Städte und Gemeinden und wurde vom Bund gefördert. In Wesertal sind außer Lippoldsberg und Oedelsheim alle Orte an das Funknetz von ACO angebunden. Lippoldsberg und Oedelsheim wurden seinerzeit nicht angebunden, da dort die flächendeckende verfügbare Versorgung über den damaligen Fördergrenzen lag – das Netz war dort damals „zu schnell.“

Die Firma ACO verbindet auch aktuell noch die Orte über Richtfunkstrecken und speist das Signal in die Hauptverteilung der Ortsteile ein. Von dort wird das Signal über das konventionelle Netz der Telekom verteilt. Je nach Entfernung zum Hauptverteiler und Qualität der verlegten Kupferkabel und Aufbau des Netzes variieren die verfügbaren Bandbreiten. In der Nähe zum Einspeisepunkt sind zumindest zeitweise 50 Mbit und mehr verfügbar. In vom Einspeisepunkt weiter entfernten Haushalten lässt das Signal spürbar und manchmal in großen Sprüngen nach. In Arenborn zum Beispiel liegt der Einspeisepunkt im Bereich Rappenshagen/Zu den Eichen. Bis zum Bereich Torweg geht die Bandbreite bis auf unter erreichbare 12 Mbit zurück. Nach Aussage der Nutzer schwankt die verfügbare Bandbreite im Netz von ACO je nach Netzauslastung deutlich bis hin zum Abbruch der Verbindung. Es gibt zufriedene und viele unzufriedene Kunden.

In 2019 wurden die Ortsteile Lippoldsberg und Oedelsheim durch die Breitbandband Nordhessen/Netcom im geförderten Ausbau über eine Glasfaserhauptleitung (Backbone) angeschlossen und ein FTTC-Ausbau umgesetzt. Nach den seinerzeit aktuellen Förderbedingungen war die Versorgung für den Ausbau hier „langsam genug“.  Entgegen den eigenen Auskünften hat die Telekom parallel zur Netcom den Nahbereich um ihre Verteilstation in Oedelsheim selbst FTTC ausgebaut. Über den FFTC Ausbau stehen so in Lippoldsberg über die Netcom und in Oedelsheim je nach Bereich über Telekom oder Netcom regelhaft 100 MBit und mehr an den Hausanschlüssen technisch zur Verfügung. Die Klinik Lippoldsberg ist direkt an den Backbone angeschlossen – dort sind 1 GigaBit und mehr verfügbar.

In einzelnen Bereichen von Wesertal ist stationäres Internet über den Funk des Mobilfunknetzes möglich. Die verfügbaren Bandbreiten und Standards (UMTS, HSDPA, LTE) variieren ja nach Standort und Verbindung zum nächsten Mobilfunkmast. Die erreichbaren und gebuchten Bandbreiten schwanken je nach Wetter und Netzauslastung – zu ungünstigen Zeiten verbleiben manchmal nur 1 Mbit Bandbreite. Oftmals gibt es in den Tarifen Volumenbegrenzungen.


Wie geht es weiter?

Die Funkverbindungen von ACO werden nach der Übernahme von ACO durch Goetel zwischen den Orten durch Glasfaserverbindungen ersetzt werden. Die Bauarbeiten dazu haben zwischen Weißehütte und Gieselwerder begonnen. Durch diese Maßnahme wird sich die Versorgungssituation der ACO-Kunden hoffentlich deutlich verbessern. Hiervon werden nach Ankündigungen von ACO ab März/April 2020 zuerst Gieselwerder und Gottstreu profitieren.

Parallel dazu wird es am 09., 10. und 11.03.2020 in Gewissenruh, Gieselwerder und Gottstreu Informationsveranstaltungen der Goetel zum FTTH Ausbau, also der Versorgung mit Glasfaser bis in jedes Haus geben. Wird bei diesen Veranstaltungen und im Nachgang dazu eine bestimmte Mindestquote an anzuschließenden Haushalten erreicht, will Goetel die Orte entsprechend ausbauen.

Für die anderen Orte stehen die Termine seitens Goetel noch nicht fest.

Ziel der Gemeinde ist der FTTH-Ausbau aller 8 Ortsteile der Gemeinde Wesertal. Dies ist die einhellige Auffassung auch in Gemeindevorstand und Gemeindevertretung


Was kostet ein FTTH Ausbau?

Die Gemeinde Oberweser hat, um auf sich ändernde Förderbedingungen schnell mit einem Förderantrag reagieren zu können, eine Grobnetzplanung aufstellen lassen. Die darauf aufbauende Investitionskostenberechnung ist wichtiger Bestandteil eines Förderantrages

Für die erforderliche Infrastruktur – z.B. knapp 54 Kilometer Glasfaserkabel, Verteilstationen – wären demnach in 2019 allein für die 6 Ortsteile von ehemals Oberweser gut 4 Mio. Euro zu veranschlagen gewesen.

Über das u.a. mit der Grobnetzplanung beauftragte Büro und auch unabhängig davon ist die Gemeinde mit verschiedenen Telekommunikationsanbietern im Gespräch. Die Leistungen des Büros wurden jeweils in Oberweser und Wahlsburg jeweils vom Bund gefördert.

Welche Rolle haben Städte und Gemeinden beim Breitbandausbau?

Aus Sicht der Städte und Gemeinde liegt die Hauptverantwortung für den zeitnahen und flächendeckenden Breitbandausbau beim Bundeministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, bei der Staatsministerin für Digitalisierung und der Telekom – welche zu knapp einem Drittel nach wie vor der Bundesrepublik Deutschland gehört. Städte und Gemeinden sind für den Breitbandausbau eigentlich nicht zuständig und ihnen stehen im Bereich des Breitbandausbaus kaum Kompetenzen und Einflussmöglichkeiten zur Verfügung.

Städte und Gemeinden –und damit auch die Gemeinde Wesertal- haben sich des Themas trotzdem angenommen, da alle Bemühungen der zuständigen Ministerien in EU, Bund und Land ganz offensichtlich nicht ausgereicht haben, um in Deutschland in Sachen Breitbandausbau nachhaltig voranzukommen. Ohne diese Bemühungen gäbe es in Wesertal wahrscheinlich nur die Telekom.

Warum geht der Ausbau in Wesertal nicht schneller voran?

Dies ergibt sich aus den vorangegangenen Ausführungen, insbesondere zu den Förderbedingungen.

Zusätzlich ist festzustellen, dass auch Lage und Topografie eine Rolle spielen. Wesentlich ist die Entfernung der einzelnen Orte zu einem verfügbaren Backbone. Erschwert wird die Heranführung des Glasfasers ggf. durch einen Fluss. Die Unterquerung der Weser mit einem Kabel ist deutlich aufwändiger als das Einflügen in weichen Boden. Die strategische Planung des Investors und dessen Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit spielen eine wesentliche Rolle .  

Die vom Gesetzgeber und der Bundesnetzagentur gesetzten Rahmenbedingungen verhindern oftmals einen schnelleren Ausbau. Ein Beispiel dafür: Ein Backbone ist in einer Entfernung von gut 50 Metern entlang eines Ortes verlegt um damit einen anderen Ort zu erschließen. Jedes Telekommunikationsunternehmen hat das Recht an dieses Glasfaserkabel anzuschließen, da die Verlegung gefördert wurde. Der Preis für den Anschluss ist, da es sich um Glasfaser handelt, aber frei verhandelbar. Der Betreiber des Glasfaserkabels kann also Mitbewerber über den Preis vom Anschluss abhalten oder verzögern. Einen Hausanschluss aus Kupfer kann jedes Telekommunikationsunternehmen zu von der Bundesnetzagentur festgelegten Preisen mieten, ohne Preisverhandlungen und Diskussionen mit der Telekom.


Gut zu wissen:

Welche Ausbauarten gibt es?
Unterscheidung nach wirtschaftlichen Kriterien

Wirtschaftlich unterscheidet man in den eigenwirtschaftlichen Ausbau im Markt und den geförderten Ausbau. Eigenwirtschaftlicher Ausbau im Markt bedeutet, dass ein Unternehmen (z.B. die Telekom, Vodafone, Goetel) ein Gebiet auf eigene Rechnung und nach eigener Planung erschließt und dies aus eigenen Erlösen finanziert. Oftmals unterbleibt dieser Ausbau mit der Begründung, dass dieser nicht wirtschaftlich umzusetzen sei. So wie bei uns bisher.

Vor einem von Städten/Gemeinden/Landkreisen initiierten Ausbau von unterversorgten Gebieten mit Fördermitteln von EU/Bund/Land muss eine Erhebung des Istzustandes, des Bedarfes und der Pläne der anderen Marktteilnehmer erfolgen (sog. Markterkundung). Im Markterkundungsverfahren müssen die Unternehmen  im Rahmen der Erhebung die Planungen für einen Ausbau in den nächsten 3 Jahren für das betroffene Gebiet offenlegen. Dadurch soll eigentlich verhindert werden, dass unnötig gefördert wird. Ein geförderter Ausbau kann beginnen, wenn kein eigenwirtschaftlicher Ausbau angemeldet wurde. Eine wirkliche Verbindlichkeit erreichen diese Auskünfte meist nicht. Oft führt ein geförderter Ausbau durch Mitbewerber zum parallelen, eigenwirtschaftlichen Ausbau durch die Telekom.

Unterscheidung nach technischen Kriterien

Die Versorgung über die Kupferkabel des Telefonnetzes von den Netzknoten zu den Hauptverteiler, zu den Kabelverzweigern und bis in die Häuser ist der in Wesertal  „erreichte“ Stand. Kupferkabel können nur begrenzte Datenmengen übertragen, die Bandbreite sinkt mit der Länge und der Qualität der Kupferkabel und der Anzahl der zu versorgenden Haushalte. Je länger und dünner das Kabel ist, je weniger Bandbreite kommt am Ende an.

Über Glasfaser kann ein Vielfaches an Daten übertragen werden. Dabei spielt die Länge der Glasfaser kaum eine Rolle. 

Die Ertüchtigung des Netzes erfolgt aktuell an vielen Stellen von oben nach unten. Zunächst werden die Hauptverbindungen durch Glasfaser ersetzt. An diese werden dann die Hauptverteiler in den Orten angeschlossen. Im sogenannten FTTC-Ausbau werden die Kabelverzweiger per Glasfaser an den Hauptverteiler des Ortes angeschlossen. Der FTTH-Ausbau als letzter Schritt erfolgt durch Verlegung von Glasfasern vom Kabelverzweiger bis in jedes Haus. In Städten erfolgt ggf. die Verlegung der Glasfaser auch bis in jede Wohnung (FTTF).

Mit jedem Ausbauschritt wächst die Bandbreite. Flaschenhals ist dabei immer das Kupferkabel.

Einzig der Ausbau FTTH ist zukunftssicher. Nur mit ihm sind Bandbreiten von 1.000 Mbit/s und einem Vielfachen mehr und in beide Richtungen (symetrisch) möglich.

Der schrittweise Ausbau ist insgesamt teurer und die einzelnen Schritte erfolgen meist unter großem zeitlichen Versatz. Das Netz der Telekom ist mit den Orten gewachsen und immer wieder erweitert worden. Der komplette Neuausbau in Glasfaser erfolgt unabhängig vom bisherigen Netz und kann nach den aktuellen Erfordernissen geplant und umgesetzt werden.

Cornelius Turrey, Beauftragter für die vorläufige Wahrnehmung der Aufgaben des Bürgermeisters

Vielen Dank an Cornelius Turrey für die ausführliche Antwort.
Wir verfolgen das Thema weiter und werden entsprechend berichten.